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INPOET - Hamburger Gastprofessur für Interkulturelle Poetik



Inhalt:

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Konzeption und Leitung: Prof. Dr. Ortrud Gutjahr

Neuere Deutsche Literatur und Interkulturelle Literaturwissenschaft

In diesem Sommersemester wird zum zweiten Mal die von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius geförderte Hamburger Gastprofessur für Interkulturelle Poetik vergeben. Mit der Einrichtung dieser besonderen Poetikprofessur wird die Bedeutung der deutschsprachigen interkulturellen Literatur gewürdigt und das Selbstverständnis Hamburgs als weltoffene Stadt ›beim Wort‹ genommen. Eingeladen werden renommierte Autor/inn/en, die sich mit kulturdifferenten Erfahrungshorizonten und Wertorientierungen in ihren Werken beschäftigen und für die literarische Gestaltung von tiefgreifenden Veränderungsprozessen wie beispielsweise infolge von Migration, Mauerfall und Globalisierung neue Ausdrucksformen finden. Sie setzen sich in ihren Vorlesungen im Rahmen der Gastprofessur an der Universität Hamburg mit dem Potential der ästhetischen Inszenierung von Interkulturalität auseinander und stellen zusätzlich an verschiedenen Orten der Stadt – am Hafen, im Literaturhaus, im Theater – themenzentriert ihre literarischen Texte vor, um sowohl mit Studierenden als auch der interessierten Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen. Dabei wird es unweigerlich auch um Ideen zu einer kosmopolitischen Kultur gehen, in der die Auseinandersetzung mit Interkulturalität zentrale Bedeutung für ein neues Miteinander gewinnt.

Felicitas Hoppe

Gastprofessorin für Interkulturelle Poetik an der Universität Hamburg

Felicitas Hoppe
Foto: n.n.

Im Sommersemester 2012 geht die von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius geförderte Hamburger Gastprofessur für Interkulturelle Poetik an die Autorin Felicitas Hoppe, die sich durch ihre phantasievollen Abenteuer- und Reiseromane wie auch ihre literarische Auseinandersetzung mit historisch verbürgten Personen einen Namen machte und soeben den hoch gelobten, autofiktiven Roman Hoppe vorlegte. Die 1960 in Hameln geborene Schriftstellerin, die Literaturwissenschaft, Rhetorik und Religionswissenschaften in Tübingen, Eugene/Oregon (USA), Berlin und Rom studierte, arbeitete zunächst an verschiedenen Sprachschulen und am Goethe-Institut als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, bevor sie sich ganz der schriftstellerischen Tätigkeit zuwandte. In ihrem Schreiben erweist sich die Dichterin mit einem ‚Schreibtisch in Berlin‘ als Weltenerkunderin, die scheinbar Vertrautes verfremdet und das Fremde an wechselnden Orten aufsucht, um es mit phantastischen Gestalten zu bevölkern. Für ihr unverwechselbares Werk wurde Felicitas Hoppe mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem aspekte-Literaturpreis, dem Bremer Literaturpreis, dem Roswitha-Preis der Stadt Gandersheim und zuletzt mit dem Rattenfänger-Literaturpreis ihrer Heimatstadt. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und war bereits Gastprofessorin, Poetikdozentin und Writer in Residence an deutschen Universitäten wie auch am Dartmouth College (New Hampshire), am Deutschen Haus in New York und mehrfach an der Georgetown University in Washington, wo sie zuletzt ein Seminar zum Thema Glück und Geld gab.

Felicitas Hoppe pendelt aber nicht nur mit sichtlichem Wohlgefallen zwischen ihrem heimischen Schreibtisch und den Rednerpulten von Vorlesungssälen in Europa und Übersee, sondern unternimmt auch immer wieder weite Reisen, die in ihren Erzähltexten Widerhall finden. So umkreist die polyglotte Autorin mit ihrem Schreiben in ironischen Wendungen und burlesken Volten immer wieder die Frage nach dem möglichen Selbstkonstruktionsprozess im Spannungsfeld von Fremderfahrung und Verschriftlichung. Bereits in ihrem Erzählband Picknick der Friseure (1996) geht es um die phantasmatische Ausgestaltung von Kindheitserinnerungen, Familiengeschichten und Selbsterprobungsversuchen, die nicht selten mit überstürzten Abreisen und ungewissen Ankünften einhergehen. Nach der Reise auf einem Containerschiff – vom Hamburger Hafen aus rund um die Welt – verfasste Hoppe den Roman Pigafetta (1999), in dem eine Ich-Erzählerin auf dem die Meere durchkreuzenden Frachter den schwankenden Grund ihrer Erkundungen findet. Sie wird zur ethnographischen Beobachterin der Sitten und Gebräuche an Bord wie auch der Beziehungsdynamiken zwischen den Mitgliedern der Crew und den nur wenigen Mitreisenden. Vor allem aber führt sie des Nachts in ihrer Kajüte Gespräche mit Pigafetta, dem ersten professionellen Schreiber, der je über eine Weltumsegelung berichtete, und tritt damit auf hoher See eine Zeitreise ganz eigener Art an.

Auch im Abenteuerroman Paradiese, Übersee (2003) sind die Reise über das Meer und die Suche nach dem rätselhaften Unbekannten zentrale Topoi. Ein Ritter, der mit einem klapprigen Pferd in Indien von Bord geht und sich in Begleitung eines „Pauschalisten“ zunächst auf die Suche nach einem ominösen Mann und später einem ebensolchen Fabeltier macht, gelangt auf seiner Reise nicht nur zurück nach Europa, sondern auch in immer neue Weltfremdheiten hinein. In den fünf „Portraits“, die Hoppe in Verbrecher und Versager (2004) entwirft, fliehen die ‚abgestürzten Helden’ ebenfalls über die Meere: in der Hoffnung, anderswo ihr Glück zu finden. Um Selbstsuche in Auseinandersetzung mit dem Schicksal einer historischen Figur geht es im Roman Johanna (2008), in dem einer Promovendin die Beschäftigung mit der Jungfrau von Orleans zum Anlass wird, der eigenen Angst und (Schreib-)Passion nachzugehen.

Demgegenüber wird der Titelprotagonist aus Hartmann von Aues mittelalterlichem Versepos Iwein in Hoppes Kinderbuch Iwein Löwenritter (2009) zum Gewährsmann für die schier unbegrenzten Möglichkeiten abenteuerlichen Erzählens. Hat sich Felicitas Hoppe schon in ihrer Erzählung Der beste Platz der Welt (2010) als Erzählerin selbst fiktionalisiert und in die Reihe der von ihr beschriebenen Abenteurer und Weltreisenden, Ritter und Seefahrer eingereiht, so werden diese Formen der Autofiktionalisierung in ihrem in diesem Frühjahr erscheinenden Roman Hoppe auf so kunstvolle wie komplexe Weise weiter ausdifferenziert.

In der Hamburger Vorlesungsreihe zum Thema: Abenteuer.Welten.Reisen. wird sich Felicitas Hoppe in der Einführungsveranstaltung am 13. April zunächst als Autorin vorstellen und unter dem Motto „Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure“ aus ihren Werken lesen. In ihren drei Poetikvorlesungen wird sie über die Etappen und den inneren Zusammenhang von Reisen und Schreiben sowie die damit verbundene Interkulturelle Poetik ihres Werks sprechen: Die erste Vorlesung am 11. Mai trägt den Titel „Aufbruch: Ein Ausflug, nichts weiter“, die zweite am 18. Mai „Fahrt: Fracht sein ist alles“ und die dritte am 25. Mai „Heimkehr: Der Rest der Welt und ich“. An allen übrigen Vorlesungsterminen werde ich in chronologischer Reihenfolge die Erzählungen und Romane Hoppes im Hinblick auf das Rahmenthema vorstellen und interpretieren. Die Vorlesung, die einen umfassenderen Einblick in das Werk und die Schreibweise Felicitas Hoppes vermittelt, ist für all diejenigen konzipiert, die sich mit dem Werk einer der spannendsten Gegenwartsautorinnen intensiv auseinandersetzen möchten. Ergänzend wird am 13. und 14. Juni eine Internationale Tagung im Literaturhaus Hamburg zur Interkulturellen Poetik im Werk Felicitas Hoppes und am 22. Juni ein von der Autorin gestalteter literarischer Abend anlässlich des 600. Geburtstages von Jeanne d’Arc im Thalia Theater in der Gaußstraße stattfinden. Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe werden am 6. Juli Studierende und Lehrende des Faches Germanistik die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Werk Felicitas Hoppes präsentieren und mit der Autorin wie auch der Zuhörerschaft diskutieren.

Alle Veranstaltungen in der Universität sind für die Öffentlichkeit kostenlos und frei zugänglich.

Ortrud Gutjahr



Zu den Fragen an sich selbst und zu ihren drei Poetikvorlesungen I Aufbruch: Ein Ausflug, nichts weiter, II Fahrt: Fracht sein ist alles und III Heimkehr: Der Rest der Welt und ich kommentiert Felicitas Hoppe:


Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe

Aufbruch, Fahrt und Heimkehr. Wie reimt sich das? „Genau genommen“, schreibt Felicitas Hoppe, „spreche ich von drei Reisen auf einmal, die am Ende in eins fallen müssen: der Traum von der Reise erstens, die wirkliche Reise zweitens, ihre Erzählung drittens“. Was war zuerst da? Die Reise oder der Traum davon? Reisen wir, weil wir erzählen wollen, oder erzählen wir, um nicht reisen zu müssen?

„In einen Sack gesteckt, um die Welt geschleppt, da haben Sie das ganze Abenteuer!“, kommentiert so prosaisch wie praktisch der Kapitän eines namenlosen Frachtschiffes in Hoppes Roman Pigafetta die Freuden und Leiden des Reisens. Und: „Abenteuer – was ist das?“, fragt wenig später in Hoppes Iwein das Ungeheuer den Ritter. Hoppes Antwort ist einfach: „Abenteuer ist nicht das, was wir suchen, sondern das, was uns begegnet!“ Und sie ergänzt: „Fracht sein ist alles! Nicht Eroberer, Akteur seiner Reise sein, sondern Objekt statt Subjekt seiner Erzählung. Wie ein Brief, den man in den Kasten wirft, ein Päckchen, das auf die Reise geht und weder Absender noch Empfänger, nicht einmal seinen eigenen Inhalt kennt. Ich träume von nichts als der Freiheit des Reiters, dessen Pferd mehr weiß als er selbst.“

In Wahrheit ist Hoppe weit mehr als ein Brief, der seinen eigenen Inhalt nicht kennt. Ritter und Pauschalist, Kapitän und Matrose, Gast und Wirtin in einer Person, Kleiner Baedeker der Gegenwartsliteratur, kennt sie die Fallen des Reisens genau: In ihren Vorlesungen über Aufbruch, Fahrt und Rückkehr erzählt sie in Hamburg zum ersten Mal darüber, warum sie lieber schreibt als liest, lieber Gastgeberin als Gast ist und schon beim Aufbruch daran denkt, zurück zu kommen. Und dass Heimweh ein großes Thema ist. Weshalb sie bis heute vom Conzemiuszimmer träumt, jenem Raum, der in Wahrheit das Paradies ist, in dem wir für immer sesshaft werden.

In sieben Begegnungen gibt Felicitas Hoppe Auskunft über ihr Reisen und Schreiben, über Bewegung und Stillstand, über Sprechen und Schweigen, über das geographische Geheimnis der Ewigkeit und über den Versuch, am Ende aller Reisen durch Raum und Zeit tatsächlich über sich selbst zu sprechen.

Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe
Fotos: Tobias Bohm

Ausschnitte aus der einführenden Lesung: "Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure" (13.4.2012)

 

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